Thema 2: Was hat die Coronakrise mit dem europäischen Selbstbewusstsein der Europäer gemacht?

Diese Hertensteiner Gespräche werden erneut virtuell stattfinden und zwar am Samstag, 18 und am Sonntag, 19. September 2021.
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Heinrich
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Thema 2: Was hat die Coronakrise mit dem europäischen Selbstbewusstsein der Europäer gemacht?

Beitrag von Heinrich »

Hier finden Sie weitere Ergänzungen zum Thema von Prof. Dr. Walther Heipertz:


Was hat die Coronakrise mit dem
europäischen Selbstbewusstsein gemacht?


Diskussionspapier zum 5. Hertensteiner Gespräch 2021 – 18.9.2021

Verfasser und Moderator: Prof. Walther Heipertz, Heidelberg, im September 2021

Das virtuelle Gespräch wird - unter der Voraussetzung der Zustimmung aller Teilnehmer - zur besse-ren Protokollierung aufgezeichnet werden. Diese Zustimmung kann jeder Zeit auch für einzelne Ge-sprächsbeitrage bzw. die Nennung von Namen durch entsprechenden Hinweis zurückgenommen werden.



Versuch einer Annäherung:


Die Frage im Thema wirkt – wie jedes vernünftige Thema - zunächst ganz eingängig, quasi ‚selbstredend‘, vor allem aber auch schwerwiegend, also nicht etwa nur als ein - sprachlich zwar ohne Zungenbrecher oder Kopfgrippe intonierbares, dennoch aber nur fiktionales - Problem. Sie könnte andererseits aber schon in einem ersten Gegen-reflex, vor allem von „bösen Antieuropäern“, als bloßer „Fake“, als - mangels Inhalt - gar nicht wirklich zu stellende bzw. stellbare Frage disqualifiziert werden, mit dem ‚vernichtenden’ Nachhaken: „Was soll das denn schon sein, dieses ‚Selbstbewusst-sein‘?“

Man sollte das nicht nur empört zurückweisen, im Kontrast eben zu unserem, wie wir zu spüren glauben, doch so naheliegenden und dringenden Anliegen. Der Einwand postuliert ja nur – wenn auch sehr lieblos - , dass doch nichts verloren gehen kann, wo nichts ist. Und da stehen dann tatsächlich nur pointierte Behauptungen zu einem eu-ropäischen Selbstbewusstsein gegeneinander, beides zunächst unsubstantiiert. Somit ist das auch für uns eine produktive Provokation.

Der also, den das dennoch bewegt, der also spürt, dass da was ist, was ihm wichtig ist, muss sich also im Interesse des Realitätsbezugs aller weiteren Überlegungen, schon zu Beginn und dann immer wieder, kritisch fragen, ob er sich ‚nicht nur‘ etwas wünscht bzw. ob es tatsächlich ein nennenswertes, praktisches Bewusstsein der Bürger ver-schiedener Ländern in Europa als „Europäer“ gibt. Dabei soll natürlich nicht schon da-gegen sprechen, dass es schwer fassbar ist, es sollte aber schon genug Substanz ‚hergeben‘ für eine vernünftige ‚Analyse‘ bzw. sogar eine solche Fragstellung wie die, ob und welche abgrenzbaren oder zumindest benennbaren Auswirkungen hier jetzt die weltweite Coronapandemie, mit ihren sozialen und ökonomischen Folgen, ein-schließlich der nationalen und globalen Antworten, auf dieses „europäische Bürger-bewusstsein“ hatte.

Dies verlangt also zunächst die Befassung mit etwas viel Abstrakterem, abstrakter als die Pandemie selbst oder die vielen politischen Reaktionen weltweit und in Europa. Es soll ja gerade nicht nur gefragt werden, wie in einzelnen Nationen oder Schichten - sei es in transnationalen europäischen Eliten, sei es vielleicht nur speziell bei der arbei-tenden Bevölkerung etwa von Irland - über Europa gedacht und dem politischen Ge-bilde „Europa“ eventuell etwas angelastet oder zugutegehalten wird.

Während es diesbezüglich nämlich – weit über das dem Nichtfachmann evtl. bekannte hinaus – eine unübersehbare Zahl nationaler und internationaler, politologischer, so-ziologischer und anderweitiger Forschung geben dürfte, würde selbst die enzyklopä-dische Kenntnis all dieser Forschungsergebnisse nicht automatisch das – ‚dahinter‘, ‚darunter‘ oder ‚darüber‘ liegende – gemeinsame europäische Bewusstsein erfassen.

Erst wenn dies aber ‚erfasst‘ ist - so das überhaupt geht - , wäre evtl. dann sogar auch ‚wieder‘ – also im Rückwärtsgang oder doch eher im Vorwärtsgang – eine nationen-bezogene oder schichtenbezogene Differenzierung o.ä. denkbar. Das aber dürfte mit den oben angesprochenen nationalen Ansätzen bloßer Meinungsforschung zwar kor-respondieren, das sogar ganz sicher, mitnichten aber zusammenfallen. Auch diese Differenzierungen würden also ohnehin, sollten auch sie gelingen, erstmal den noch gar nicht gefassten Grundbegriff voraussetzen.

Andererseits geht es aber sowieso nicht ‚nur‘ um eine wissenschaftliche Befassung bzw. die Operationalisierung und konkrete Füllung dieses heiklen Konstrukts eines „Europäischen Bewusstseins“, sondern ‚lediglich‘ um das ‚Verweilen‘ bei diesem ‚pro-grammatischen‘ Begriff: und zwar um sich – wie nachfolgend noch näher dargelegt wird - vor unkontrollierter Enttäuschung oder vorschnellem Wunschdenken infolge zu freier Assoziation zu schützen und so unbemerkt Verborgenes zu übersehen oder zu unterstellen.

Wie immer, wenn es nicht nur um interne Selbstverständigung und Agitation geht, muss ja das Ziel sein, eine neue bzw. erweiterte Perspektive zu gewinnen, mit der sich politische und europäische Realitäten, Entwicklungen und Nachrichten, wie man ihrer tagtäglich gewärtig wird, so sachgerecht wie möglich verstehen und bewerten zu kön-nen, um dem angestrebten europäischen Projekt tatsächlich zu dienen .

Dieses ‚gehörige Verweilen‘ aber - schon nur beim theoretischen Bedarf für eine sol-che gründliche Begriffsklärung, selbst wenn wir fachlich dazu gar nicht in der Lage sind - , bzw. weniger asketisch formuliert: das Sinnieren über eine eigentümliche Tief-gründigkeit eines solchen Konzepts europäischen Bürgerbewusstseins … dies sollte uns idealerweise befähigen, Europa als eine politische Größe, in ihrer relativen Persis-tenz oder Resilienz auch entgegen Stimmungen und vorübergehenden Strömungen, quasi in ihrer ‚subversiven Trägheit‘, zu erfassen, sich dafür zu interessieren und dar-aus womöglich auch mehr eigene Ruhe, Sicherheit und Frustrationstoleranz, zu ge-winnen. Nicht gemeint ist natürlich „Trägheit“ in dem anderen, voranstehend nicht ver-wendeten Sinne, also nicht Behäbigkeit, auf schmalem Grad aber schon sowas wie :„Das wird schon, allein schon weil es werden muss!“

Wenn das Denken sich so ausrichtet und schließlich zu Ergebnissen käme, wird dieser – anders immer sperriger werdende - Begriff lediglich (immerhin aber und das in al-lesentscheidender Weise!) eine rational begründete Denkhaltung ausgelöst haben, durch ein ‚gutes Gespür‘ seiner Bedeutung eben, statt dass er im Endergebnis etwa offen und „gewusst‘ zutage läge und man glaubte, somit die Intensität europäischen Bewusstseins und seiner evtl. Veränderung buchstäblich ‚vermessen‘ zu können.

Besonders hier - eigentlich aber immer in uneindeutigen und potentiell strittigen Aus-gangssituationen – erscheint deshalb auch die, ebenso wohlfeile wie hohle, Empfeh-lung, man möge ‚erstmal‘ den Gegenstand ‚definieren‘, damit jeder wisse, worüber man spreche, das Falscheste , Illusionärste und Indieirreführendste, was man machen kann.

Es handelt sich nämlich bei einer Sache wie dem „Selbstbewusstsein“, bzw. dem „Eu-ropäischen Selbstbewusstsein“, um Begriffe, in denen mehr oder weniger umfängli-che, gar nicht konstante, sondern situationsabhängig variierende, erst darin aber ge-rade valide Konzepte und Gedanken des jeweiligen Sprechers ‚mitschwingen‘, deren Bedeutung für den weiteren Dialog man nur erfassen kann, wenn zunächst mal der gleichsam ‚unkritische‘, höchstpersönliche und probatorische Gebrauch als ‚Leerfor-mel‘ erlaubt ist und sich dann im Dialog erst, bzw. aus den sich darum nun gruppie-renden Aussagen, ein vielschichtiges, insgesamt aber idealerweise für alle oder viele Teilnehmer zunehmend greifbares und lebendiges Inhaltsprofil ergibt.

Ob es dieses spezifisch europäische Selbstbewusstsein überhaupt gibt – was bei Um-gehung einer derart vorrausetzungslosen, definitorische Diskussion allerdings gar nicht mehr sinnvoll bestritten werden kann - , eher dann also die Frage, was es dann ist, bzw. was man am Ende darüber hinsichtlich Inhalt, Ausprägung und Wechselwir-kung mit anderen politisch relevanten Selbstbewusstseinsdimensionen wird sagen können … dies ist somit eher nur ‚retrograd‘ zu klären.

Dabei beginnt man vielleicht damit, dass man zunächst die zwei denkbare, diametral entgegengesetzten, sich also ausschließenden - , bei Entscheidung dann aber ersten Eingrenzungen und Aufschlüssen dienlichen - ‚‚Krisengesamtauswirkungen‘ postu-liert, wie unsere Ausgangsfrage das ja auch nahelegt. Die eine Möglichkeit wäre dabei eine weitere innere Distanzierung von der europäischen Idee, was auf dem Konzept und Erleben der Fragilität dieses „Europa“, also mangelnder Krisenmanagementbe-währung basieren würde. Die andere wäre dagegen eine Verstärkung dieser Idee, weil Europa erlebnismäßig – durchaus vielleicht auch ‚mal wieder‘ - etwas Wichtiges bewirkt haben würde, von dem vor allem unausgesprochen angenommen oder ‚ge-wusst‘ wird, dass dies ohne seine politische Realität nicht eingetreten wäre.

Die sich daran dann anschließende Frage – sogar vielleicht noch vor dem ersten Be-antwortungsversuch der ersten - könnte dann sein, wie anfällig bzw. positiv oder nega-tiv abhängig „Europa“ also ‚immer noch‘ (?) von spektakulären Ereignissen oder Vor-gängen ist, vor allem von jeweils ganz Neuem, wie eben die Pandemie oder fast schon kontinentalen Naturkatastrophen, was sich von der - alles Alltägliche umfassen-den - politischen Routine abhebt. Anders gefragt: wie wenig wird im Umkehrschluss bislang noch die politische Routine ‚europarelevant‘ bzw. von Europa involviert erlebt?

Außer etwa bei Fragen von Beistand, den sich Bevölkerung und Regierung eines klei-nen Staates gegen einen großen Aggressor oder die Bevölkerung allein gegen eigene Despoten von einer Schutzmacht oder der internationalen Gemeinschaft wünschen, artikulieren sich politische Bewertungen und Erwartungen aber – definitionsgemäß, nicht allerdings etwa nur infolge der Existenz dieser Definition - innerhalb der Staaten und an die Akteure dieser Staaten, die letztere eben - bei angenommener oder auch nur ‚eigentlicher‘ Souveränität, selbst aber noch bei hohem Grad an Korruption - die jeweils wirkliche Bühne für Kohärenz oder Nichtkohärenz einer Gesellschaft, Stabilität, inneren Frieden, Verteilungskämpfe, Planungen etc. abgeben.

Da bleibt für Europa - als „Rahmen“, wie man dann so schön sagt - weitgehend nur das Spektrum zwischen der Erwartung unkonditionierter Unterstützung ‚von außen‘ und der Erwartung der Nichteinmischung ‚von außen‘, selbst bei denen, die dann doch am liebsten mal einen europäischen Hebel ansetzen wollen, konzeptuell auch damit aber dieses „Europa“ im Ergebnis nicht integrieren bzw. das auch nicht können. Das europäische Bewusstsein wirkt so weiter als Kür oder Appendix – sei es als Hoffnung, sei es als Sündenbock - , immer aber mehr potentiell als reel konzeptioniert, also un-verbunden mit der realpolitischen Dimension bzw. in lediglicher Parallele dazu.

Tatsächlich nutzen die Regierungen und das jeweilige Gegenlager aller Mitgliedslän-der, auch beim deutschen Musterknaben, immer noch – absichtlich oder auch unab-sichtlich, mehr oder weniger ausgeprägt und anlassbezogen, aber geradezu unver-meidlich – immer wieder Ressentiments oder Sympathien der Bevölkerungen für oder gegen Europa, zum Zweck des internen Machterhalts oder Machtgewinns aus, bzw. versuchen diese ggf. auch zu erzeugen, meist um von sich selbst abzulenken. Beide Richtungen, die gute und die böse, ‚deeuropäisieren‘ damit aber tendenziell das poli-tische Bewusstsein, denn sie instrumentalisieren und externalisieren Europa nur, als Ersatz oder zur Stärkung eigener Positionen in der ‚anderen und eigentlichen‘ Politika-rena.

Tatsächlich machen sie sich damit – in der jeweiligen impliziten oder expliziten takti-schen Abwägung des vermutlich erreichbaren Vorteils – eine Disponibilität des euro-päischen Gedankens zum Vorteil und vertiefen diese auch, weil sie darin allerdings auch – gar nicht zu Unrecht - gar keinen spürbaren Nachteil auch in der Folge erbli-cken. Vor allem aber auch weil ggf. in der anstehenden Auseinandersetzung die Ver-führung zu groß ist und die Pfründe zu attraktiv.

Einen unmittelbaren Nachteil für die konkreten, aktuellen und zukünftigen Politiken, auch für die im europäischen Rahmen, hat dies aber – wie gerade schon gesagt - tat-sächlich nicht, denn es ist ja – vielleicht (?) - noch gar kein derart starkes und fassba-res transnationales, europaweites europäisches Bewusstsein vorhanden, das maß-geblich die Entscheidung jedes Einzelnen zur Unterstützung oder auch Nichtunterstüt-zung einer politische Strömung oder Partei im eigenen Land beeinflussen würde ( … was allerdings – wie auch schon gesagt – nicht verwechselt werden darf mit einer evtl. proeuropäischen oder antieuropäischen Haltung, die man hat bzw. in einer Partei, die man deshalb dann unterstützt, wiederzufinden glaubt).

Wenn Obiges aber fehlt, dann fehlen (zum Glück ?!) auch – trotz aller gegebenenfalls aktivierbaren und evozierbaren, antieuropäischen Ressentiments – nachhaltige innere Widerstände wegen europafeindlicher Aspekte im politischen Selbstbewusstsein, wel-ches also sui generis europakompatible Beschlüsse verhindern würde, die die im ge-gebenen Fall willigen Regierungen sonst etwa durchsetzen könnten.

Die häufige, vielfach auch schon durchgängige und zum - zumindest vorübergehend - offiziellen Profil von Parteien gewordene, vorrangig noch eher negative, seltener posi-tive, innernationale Instrumentalisierung des europäischen Faktors verweist anderseits aber bereits auf eine zunehmende - dabei nicht wirklich anerkannte, dennoch aber ‚selbstwirksame‘ – schiere Präsenz des europäischen Gedankens oder Reflexes, so-mit auch eines tatsächlich eben doch gewachsenen europäischen Bürgerbewusst-seins: aufwachsend im gleichsam gegenläufigen Bypass zur vorbeschriebenen, ei-gentlich „deeuropäisierenden“, europaeinfrierenden Wirkung nationaler Kampagnen auf die politische Kultur.

Hier muss und kann man dann aber ganz offensichtlich so etwas wie ein ‚Gespür‘ der Menschen in den Mitgliedstatten für eine – zumindest partiell doch schon stärkere, im Alltagsbewusstsein ‚angenommene‘, eben gar nicht mehr komplett disponible - Faktizi-tät des europäischen Faktors unterstellen, die sich aber im Getöse der nationalen Poli-tiken nicht ausdrücklich artikuliert und auch in der Regel nicht mit den jeweiligen Aus-einandersetzungen verlinkt.

Diese Faktizität kann nicht nur ideologiegetrieben sein, etwa moralisches Engagement für „diesen kriegsgeschundenen Kontinent“ oder ähnliche hehre, aber doch buchstäb-lich „bloße“ Werte, denn bald 200 Jahre nach MARX ist man sich heute doch recht un-verblümt klarer darüber: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“. Es muss also eine substantielle Wirklichkeit, also eine politisch erzeugte und auch ursächliche unwillkür-lich zuordnungsfähige Alltagsrealität ‚dahinterstecken‘, bzw. dem als Fundament der nur daraus ableitbaren Wahrnehmung und Bewertung zugrunde liegen.

Dieser – noch zarte (?) - substantielle Fundus kann wiederum nur von denselben han-delnden nationalen Politikern auf europäischer Ebene - über die Jahre und in entspre-chender Zusammenarbeit – planmäßig und sukzessive ‚erzeugt‘ worden sein … auch wenn sie diese Tiefenwirkung gar nicht vor Augen hatten. Sowas wird nämlich nicht nur jahrelang einfach mal so ‚abgegriffen‘ oder ‚zugelassen‘, sondern kann nur im In-teressenausgleich auf Basis harter Verhandlungen – also im Wechsel von Geben und Nehmen - passieren. Gerade deshalb gibt es ja bei und vor diesen Verhandlungen immer viel – genau dies möglichst vernebelnde, nie aber ganz klappende – ‚Road-show‘ und den dazugehörigen ‚Gewinnersprech‘: das unvermeidlich Gegebene und Zugestandene wird möglichst maskiert und das Gewonnene wie ein Duchmarsch ge-feiert.

Tatsächlich wissen und ahnen die Bevölkerungen aber – selbst bei prekärer
Presselandschaft, die andererseits ja auch im Einflussbereich der EU ein bestimmtes Minimum nicht dauerhaft unterschreiten kann, dann außerdem in den (ja schon gefes-tigteren) Gesellschaften Schritt für Schritt innerer Widerstand aufkeimt und auch Infor-mationen von außen kommen - , dass es nie wirklich so einseitig war, bzw. gewesen sein kann. Im oft sehr negativen bzw. stark zersplitterten Stimmungsbild über maßgeb-liche Politiker in diesen ‚Hauruck-Ländern‘ – selbst wenn diese paradoxerweise also selbst den ‚guten‘ bzw. substantiellen und insofern auch ‚irreversiblen‘, europäischen Prozess ständig mit erzeugen - steckt ja gerade auch viel Wissen der Menschen über genau diese Hintergründe, und man möchte sich - trotz aller anlassbezogen dann auch wieder mal ‚unbedingten‘ Gefolgschaft, wenn’s mal wieder hoch hergeht - nicht mehr nur noch auf sie verlassen.

Noch vorrangig nur in Krisen wird Europa so doch zum Erwartungsort - oder gar un-eingestandenem ‚Sehnsuchtsort‘ (?) - und ist dann sogar, gerade als nicht erster An-sprechpartner, zwar einerseits noch nicht stabil im Kalkül, andererseits sogar noch zu-nehmend oder auch grundsätzlicher geschützt vor ganz unverhohlenen, innerstaatlich motivierten Schuldzuweisungen, vor allem anhaltenden (obwohl man auf der Oberflä-che, gerade auch von weiter weg, oft das Gegenteil vermutet)!

So entsteht im Hintergrund eine Größe, die man nicht mehr missen will, auch mit durchaus erkannter, aber nur im Ausgleich aufbaubarer Macht, zu der man gerne ge-hörten möchte. Gute Beschlüsse, vor allem wenn sie nicht triumphal als Durchsetzung gegen die Interessen der anderen kommuniziert werden, die vielmehr nachvollziehbar gewichtige Probleme für alle mildern, stärken das Bewusstsein der Möglichkeit euro-päischer Lösungswege, wie auch die Gewissheit, dass sich die Bemühung darum lohnt. Hierzu würde als Anwendungsfall aktuell auch das europäische Coronama-nagement gehören.

Eine solche – bisher eher nur ‚konstruierte‘, angenommenerweise aber doch schon nennenswerte - ‚europäische Gewissheit‘ muss sich natürlich, wenn es sie gibt (und es gibt sie!) auch im Erleben erweisen … nicht also gleich zwingend den Goldstandard von Objektivität erfüllen, wobei sowieso nicht klar wäre, was das sein soll, subjektiv aber doch evident, also in einer – beim Aufenthalt, Handeln und Leben in Europa - sich einstellenden Wahrnehmung, soweit man bewusst und ergebnisoffen ‚auf Emp-fang‘ hinsichtlich Ermutigungen oder Entmutigungen, auch Überraschungen, ‚geschal-tet‘ hat.

Spürte man sowas aber, z.B. auf Reisen, dann doch nicht, oder hielte man das, was man da erlebt, für der Beschreibung nicht wert oder zugänglich, müsste man sich spä-testens fragen, ob all die begrifflichen Klimmzüge von eben Sinn machen, denn es geht ja – wie gesagt - weniger um einzelne, in eventuellen Begegnungen abfragbare oder aufschnappbare Bekenntnisse, sondern um die – tiefe, sehr tiefe und schon et-was mit ‚Festigkeit‘ ausgestattete - ‚Grundstimmung‘, wie immer man ihrer gewärtig zu werden glaubt.

Dies versuchte auch der Verfasser, der sicher kein ‚Kenner Europas in den Herzen und Gehirnen einer Vielzahl deutscher und nichtdeutscher Menschen‘ ist, der also nur von seinen Nachrichtenkenntnissen und mancher Buchlektüre ausgeht, vorrangig also auch von seinen Vorurteilen und seinen eigenen Erfahrung mit seinen gelegentlichen Versuchen, diese Vorurteile - zumal sie nicht selten impulsiv sehr schwanken - zu hin-terfragen. Gemeint ist eine kürzlich durchgeführte zweiwöchige Polenrundreise mit meiner Frau, mit dem eigenen Auto und in Eigenregie im Westen des Landes, mit Be-suchen u.a. in Gdansk/Danzig, Warzawa/Warschau, Krakov/Krakau, Oswie-cim/Auschwitz und zuletzt in Schlesien bzw. Jelenia Gora/Hirschberg.

Es erübrigt sich, zu sagen, dass es in Wirklichkeit natürlich nicht so war, dass sowas wie die voranstehenden Überlegungen vorausgingen und wir uns also gezielt auf ent-sprechende Eindrücke konditionierten. Vielmehr hatten wir vorrangig die bekannten deutsch-polnischen, kriegsbedingten Aspekte, mit eigenen und erwarteten Vorbehal-ten und Unsicherheiten, im geistigen Reisegepäck. Wir wollten unter anderem auch - mit dem Besuch des Warschauer Ghettos und des Konzentrationslagers Auschwitz - ein Stück eigener Geschichtsbewältigung und Geschichtsexposition umsetzen. Gleichzeitig spielte natürlich europapolitisch die schwere, anhaltende Auseinander-setzung zwischen polnischen Positionen und der Mehrheit der europäischen Staaten bzw. der europäischen Kommission speziell in Sachen Rechtsstaatlichkeit und Pres-sefreiheit eine Rolle, wo in unserer Wahrnehmung naheliegenderweise ein klarer Kor-rekturbedarf dort gegebenen war und ist, mit einer derartigen ‚Klarheit‘ aber, die dann – weil es ja selbst bei Vorliegen gewisser Gründe hierfür keine Akzeptanz geben kann - mangels weiterer Kenntnisse und Erlebnisse kein Sensorium für davon überstrahlte andere Aspekte polnischen Haltung hatte, gerade wenn auch diese europakritisch sein sollten.

In Gdansk/Danzig, wo es ja durch die „Westverschiebung“ Polens buchstäblich einen nahezu kompletten Bevölkerungsaustausch gegeben hat und dann - fast schon skur-rilerweise und im Gegensatz zu anderen, im Krieg komplett zerstörten Städten, sowie in fast schon rührender Anlehnung an Canallettobilder - letztlich die ganze Stadt, als steingewordene Geschichte jahrhundertelanger deutscher Präsenz und Dominanz, mit dem Deutschritterorden und den polnischen Teilungen, wieder aufgebaut wurde … in dieser Stadt meint man – daran gemessen gar nicht unerwartet, obwohl das Stadtbild so stattlich, repräsentativ und gewachsen wirkt, aber auch wie eine das nur wieder-spiegelnde Kulisse - , eine eigentümlich ‚queere‘, merklich nicht die Selbstverständ-lichkeit einer über Generationen gelebten Präsenz der Menschen reflektierende Ver-fassung der Bewohner zu spüren. Das auch, wenn und wie Offizielle dann etwa auf einer Schifftour über die Stadt sprechen, ohne dies etwa anzusprechen, aber eigen-tümlich auch ohne merkliche Auslassungen.

Auch die – zumindest oder nachvollziehbar zumindest für uns auffällig - fortbestehen-de, letztlich aber sehr nachvollziehbare Tilgung deutscher Name, hat - so wollte es mir erscheinen – genau diesen eigentümlichen ‚Preis‘, ohne dass – das merkt man sehr deutlich - die einfache Antwort sein könnte, dies – unter Berufung etwa auf das schon so lange Zurückliegen – ‚endlich‘ zu ‚korrigieren‘.

Wird dann aber deutlich - im Lokal, Geschäft, oder bei den Hotelbediensteten - , dass man kein Engländer, Amerikaner oder Franzose, sondern Deutscher ist, so fällt genau dies – so empfand ich das deutlich, kann es natürlich nicht beweisen, wobei es aber in Wirklichkeit sowieso immer nur auf die, letztlich mit hoffentlich positiven Intentionen wahrgenommene und so dann kultivierte ‚Erscheinungsoberfläche‘ ankommt - gleich-sam auf beiden Seiten, endgültig beim gegenseitigen Blick in die Augen, wie ein Schlaglicht auf und ein: dass dies eben weiterhin ganz und gar keine Selbstverständ-lichkeit ist!

Das aber liegt nicht nur an der persönlichen Begegnung oder Konfrontation mit den oder dem Deutschen, sondern an einer gerade dann wohl ‚einschießenden‘ Bewusst-werdung der Nichtselbstverständlichkeit sogar im ‚eigenen Land‘. Man hat offensicht-lich ein tiefsitzendes Bewusstsein über die eigene historische „Verschieblichkeit“, the-matisiert das selbstverständlich nicht ständig, fühlt es aber anlassbezogen aufstoßen, wenn eben der ‚geeignete‘ Anlass eintritt.

Gleichzeitig gibt es dann aber - außer es handelt sich um Menschen, die etwa in der gehetzten Arbeitsroutine ohnehin keine Einzelheiten aufnehmen – nach unseren Er-fahrungen ausnahmslos nach dem kurzen Innehalten eine ebenso merkliche Ent-spannung, weniger aber als peinliche Korrektur des vorangehenden Moments, son-dern gleichsam als Ausweg, als Sichbegegnen in größerem Zusammenhang, nicht mehr von Dualität gekennzeichnet.

Insbesondere nach den Besuchen in Warschau, dann speziell in Schlesien - historisch schon lange eher eine Bevölkerungsdrehscheibe, wo man auch heute noch oder wie-der, schon auf den ersten Blick weniger ‚eingeschlossen‘ wirkt – wird man sich sicher, dass - hätte man diesen Zusammenhang näher benannt – fast von jedem die Zugehö-rigkeit zu Europa zur Sprache gekommen wäre: im Sinne aber einer politischen Reali-tät, „halt so oder so“. Dies also deutlich abgegrenzt von konkreten Haltungen dazu, wie die EU tetwa gerade agiert oder nicht agiert, was man allenfalls im Einzelfall zusätzlich hätte ansprechen können, wir aber gar nicht wollten.

Dies schien mir gleichsam ‚subkutan‘ sehr stabil vorhanden und insofern gut unter-scheidbar von einigen anderen – sehr positiven und in ihrer Offenheit dann ausdrück-lich ‚verständigenden‘ - Erlebnissen, zum Beispiel in Ostruda im Westen der Masuren, wo eine junge Frau, die uns im Restaurant bediente - nach jeweils lachender Rück-versicherung beim Vater, der der Wirt war - immer wieder mit uns, die wir eben nur Englisch sprachen, Deutsch zu sprechen versuchte, weil sie uns im Gespräch mitei-nander gehört hatte. Auch hier, wo im Innenraum des Lokals an alle Wänden histori-sche Fotografien und Drucke, die ausnahmslos deutsch betitelt waren, wie auch alte deutschsprachige Werbetafeln und Ähnliches hingen und aufgestellt waren - ohne dass dies in dieser, von den klassischen Touristenlinien eher abgelegenen Region quasi ‚Programm‘ gewesen wäre - , hatte man den Eindruck, dass eine – hier jetzt aber ausdrückliche und unterhaltsame - Begegnung gesucht wurde, die schon biografisch weniger mit der Überbrückung von historischer Gräben zu tun hatte, sondern bei der es ebenfalls eher um die Zugehörigkeit zu einem größeren Zusammenhang gingt. Dies erinnerte aber eher an zwischenmenschliche Begegnungen, wie man sie überall auf der Welt beglückend erleben kann, hatte gerade nicht die oben beschriebene ei-gentümliche Nüchternheit.


Versuch einer ersten Schlussfolgerung:

Die beschriebene Reise bot aus Sicht des Verfassers - natürlich zunächst unvermeid-lich sehr persönlich geprägt – Stoff auch für die zuvor beschriebene Komplexität des europäische Selbstbewusstseins, speziell eben in Polen.

Im nachvollziehbar ‚deutschtumskritischen‘ Polen - einem Mitgliedsland der Europäi-schen Union, in dem es außerdem eine starke Spaltung der Positionen zu Europa gibt und eine starke mediale Dominanz der Europakritiker, die auch die Regierung stellen - ergab sich gemäß persönlicher Wahrnehmung des Verfassers bei den Menschen selbst - spontan bzw. soweit man sie gerade nicht gezielt anspricht, sondern ihnen le-diglich als normaler, wenn auch deutscher, Tourist begegnet - nach einer ersten Re-serve dann doch einen Gegenreflex der Offenheit, der spürbar mit der unterschwelli-gen Gewissheit eines gemeinsamen politischen Kontextes und einer entsprechenden Zukunft, gerade in und mit Europa, zu tun hat.

Diese eigene, ermutigende Schlussfolgerung ergab sich aber - wie ja schon mehrfach gesagt - nicht aus zwingenden objektiven Tatbeständen, sondern aus den geschilder-ten, ja auch gar nicht so zahlreichen Beobachtungen und Erlebnissen, mit den Augen und dem Sensorium der Beobachtenden. Das allein kann und darf aber nicht ausrei-chen. Deshalb erfolgte auch - wie voranstehend ja sukzessiv exemplifiziert - eine ‚zu-sätzliche‘ Bewertung und Kommentierung, und zwar unter Berücksichtigung der be-reits zu Anfang ausgeführten Überlegungen zum naturgemäß ‚versteckten Charakter‘ dieses „europäischen Bürgerbewusstseins“.

Die Schlussfolgerungen haben somit also mitnichten das – wie das Amen in der Kir-che zu erwartende - Verdikt von Beliebigkeit verdient. Der Gegenstand entsteht aller-dings tatsächlich – das muss man konzedieren – hochgradig allein schon durch das Beobachten und kritische Bewerten selbst. Der ‚Vorwurf‘ mangelnder Objektivität kann aber ohne Zerknirschung weggesteckt werden, denn es geht gar nicht anders und es geschieht auch nicht das Gegenteil: Es ist ja gar nichts nur beliebig.

Sucht und ordnet man nämlich systematisch – „wissenschaftlich“, „halbwissenschaft-lich“ oder wie immer man das nennen will, vor allem aber unter der denkleitenden und herausfordernden Programmatik „Europäisches Selbstbewusstsein“ - eigene, fremde und gemeinsame Eindrücke, so wird sich in diesem Begriff ‚automatisch‘ wichtiges, richtiges und wirksames Wissen versammeln. Ein Wissen, das dann auch Unter-schiedlichkeiten je nach Land, Bevölkerung oder Bevölkerungsanteilen erfasst, sich aber gerade nachhaltig bemühen muss, auch diese Unterschiede auf den Grundstock eines europaweit wachsenden, zunächst mehr noch nur in der Tiefe liegenden, euro-päischen Selbstbewusstseins herunterzubrechen.

Im Vollzug dessen konstitutiert man für sich und die Peers – ganz automatisch - einen kontinuierlichen Bewertungs- und Monitoringsauftrag bzw. eine Sichtweise dessen, was man in Europa erlebt, die in alle Richtungen wirkt und zurückwirkt: vor allem auf einen selbst, vermittelt dann sogar auch auf die Sache Europa! Vor allem wird man hoffentlich stabiler bzw. resilienter gegen Stimmungen, speziell gegen nervigen Defä-tismus.

So wurde diese Polenreise für mich zum ersten Anwendungs- und Bewährungsfall dieser - tröstlichen und hoffnungsvollen – hermeneutischen Methode beim Gegen-stand Europa, auch wenn es ehrlicherweise eben diese Reise selbst war, die erst den Anlass gab, dieses Denken - zum Zweck der begrifflichen ‚Sicherung‘ und ‚Formung‘ des Erlebten - zu vertiefen.

Für den Verfasser wurde so auch in Polen - mit eben dieser Geschichte und dieser aktuellen Europaperformance – sehr viel, primär unerwartetes, aber ganz klares und helles europäisches Licht erkennbar, also nicht nur ‚verschüttet‘, ‚verschattet‘ oder ‚nur eigentlich‘. Das beruhigt und entkrampft und führt einem auch die angemessenen Größenordnungen, auch für die zeitlichen Erwartungshorizonte, vor Augen. Nicht zu-letzt hat dies bei mir auch wieder – auch das war immer ein Wechselbad der Gefühle – einen neuen, späten Enthusiasmus (ich geb’s ja zu) für die immer ruhig-ermutigende Message unserer baldige Altkanzlerin entfacht, deren zu vermutende Bedachtheit dann wieder gegen die manchmal befürchtete Gleichförmigkeit punktet.

Man muss aber immer wieder – auch in wechselseitig kritischer Achtsamkeit - dafür sorgen, dass man im Rahmen dieses – zwar einzig möglichen, nicht aber mit einem ‚Frühwarnsystem‘ ausgestatteten - Vorgehens nicht zu ‚hochmotivierten‘ Selbsteviden-zen kommt, die sich von der tatsächlichen Wirklichkeit der europäischen Menschen und der Substanz des bereits europäisch Zusammengewachsenen abkoppeln. So ist man weiter auf den ggf. unabdingbaren Streit angewiesen, der aber – je disziplinierter der Kommunikationsprozess im Sinne der obigen Methodik abläuft, gestützt auch durch die beruhigende Gewissheit eines nicht mehr sinnvoll zu bezweifelnden und wachsenden europäischen Selbstbewusstseins der Menschen in Europa – im besten Sinne des Wortes zum Autokorrektiv wird. Auch der optimistischste Mensch wird ohne-hin schließlich – wenn die evtl. reine Prinzipientreue seinerseits von den Gesprächs-partner nicht mehr geduldet wird, im schlimmsten Falle man sich mit ihm eben nicht mehr austauscht – ein nachhaltiges Anderssein der Wirklichkeit als das Bild, das er von ihr noch hatte, erfassen.


Versuch einer weiteren Schlussfolgerung:

Welche Wirkmächtigkeit das europaweite europäische Bürgerbewusstsein bereits an-nehmen kann, zeigt aus Sicht des Verfassers die Historie des Coronamanagements in der EU in den letzten zwei Jahren geradezu paradigmatisch:

Von der initial vermutlich sogar weitgehend unvermeidlichen Einzelstaatlichkeit im Handeln, mit der Konsequenz massiver, zwischenstaatlicher Aggressionen und natio-naler Wellen von Neid und Verzweiflung, kam es letztlich - durch die dann folgenden Absprachen, Kompromisse und Kooperationen - zu einem, auch im internationalen Vergleich bislang weitgehend erfolgreichen, Vorgehen der Mitgliedsstaaten. Dabei handelten die - hier ja primär maßgeblichen Regierungschefs und Minister - innerhalb von Korridoren, die ihnen schrittweise in ihren Staaten aufwuchsen und die auf der einen Seite von den objektiven einzelstaatlichen Interessen und auf der anderen Seite von starken Erwartungen der Bevölkerungen in Richtung einer erfolgreichen, europäi-schen, also auch zwischenstaatlich balancierten, Politik definiert wurden.

Im Gegensatz zur Flüchtlingsthematik, wo sich gegen die einzelstaatlich starken Diffe-renzen der Bewältigungsmöglichkeiten und Akzeptanzkulturen hinsichtlich Migration und Migranten noch keine gegenläufige, europäische Korrektur ‚von unten‘ etablieren konnte, kann man bei der Coronapandemie - zuletzt mit der Schaffung des Solidari-tätsfonds, als einer ihrer, über sie selbst weit hinausweisenden, Folgen - nicht nur da-von sprechen, dass diese Katastrophe und ihre Bewältigung das europäische Selbst-bewusstsein im Sinne einer unidirektionalen Ursache-Wirkungs-Kette gestärkt hätten. Vielmehr hat - sogar geradezu umgekehrt - das europäische Bürgerbewusstsein, durch seine schiere Faktizität und den Druckaufbau über die unterschiedlichen inner-staatlichen Kanäle in den unterschiedlichen Ländern, dem primären und schnellen Länderegoismus Einhalt geboten.

Das dadurch erreichte, weitgehend erfolgreiche Coronamanagement stärkte somit – wie schon gesagt - aus Sicht des Moderators das vorhandene europäische Bürgerbe-wusstsein und damit auch den europäischen Prozess ausnehmend. Dabei ist die Grö-ße der Bedeutung speziell der Tatsache noch gar nicht absehbar, dass diese Bestäti-gung und Stärkung im Wesentlichen überhaupt nur durch das gleiche, zuvor schon starke Bewusstsein, also gleichsam über eine Selbstverstärkung, in Gang kam bzw. diese in Gang setze.

Der europäische Bürger kann sich so als ein solcher – vor allem auch als einer mit re-levantem Einfluss - bestätigt fühlen. Es ist des Weiteren aber kein Grund erkennbar, warum er dieses Selbstbewusstsein – da die Anlässe und Herausforderungen ja nicht nachlassen - wieder aufgeben wird, auch nicht so leicht allein nur aufgrund nationaler Enttäuschungen oder Verärgerungen. Er sieht vielmehr ein Potential in zunehmendem Einklang mit seinen Wünschen, Hoffnungen und Sorgen in und für die Zukunft.


Vorschlag zum Vorgehen:

Wenn wir die Frage nach den Auswirkungen der Coronakrise auf die Selbstwahrneh-mung des Europäers als Europäer wirklich ‚robust‘ – also für uns fassbar, ‚mitnach-hausenehmbar‘ bzw. orientierunggebend - beantworten wollen, sollten wir uns meines Erachtens - wie im voranstehenden Text versuchsweise vorgenommen – zunächst und ausführlich - wechselseitig erläuternd und Redundanzen gerne in Kauf nehmend, bzw. also dem Topos gleichsam ‚nachspürend‘ - am „Europäischen Selbstbewusstsein“ ab-arbeiten: wie zeigt es sich, wo merkt man es, wo vermisst man es, was besagen die Floskeln wirklich, in denen diese Wortschöpfung vorkommt, etc.

Die darin für uns enthaltenen Aufträge und Einblicke werden es dann – wie bei An-wendung etwa einer neuen, aber auch gut passenden Ablageordnung in einem Archiv - vermutlich evident und umstandlos ermöglichen, auch all das, was sich um das euro-päische Coronamanagement rankt, auf seine eingetretenen Auswirkungen und die Relevanz für die europäische Idendität bzw. das Europagefühl der Menschen ‚abzu-prüfen‘.

Diese Thematik wird dabei dann aber automatisch den Status einer ganz exklusiven und ins Auge springenden, europapolitischen Angelegenheit - wie ihn schon die Tat-sache dieser Themenstellung selbst unvermeidlich nahelegt - verlieren. Genau dies ist aber zu begrüßen und gewollt bzw. muss auf diese Weise auch methodisch-systematisch sichergestellt werden, weil eine - von außen jeweils aufgedrängte - Be-deutungskonkurrenz oder Bedeutungsprävalenz in einem – zwingend um Geduld und Nachhaltigkeit bemühten - Gesamtverständnis kontraproduktiv wäre, denn es fördert die Gefahr einer Art ‚nachhechelnder Wirkmechanik‘.

Es geht also gerade nicht um eine etwa diminuierenden Relativierung, sondern um die Erweiterung des Horizontes, bei der die europäische Coronapolitik dann zwar tatsäch-lich ‚nur‘ noch ein weiteres Europathema, neben vielen anderen ist, wie ja auch die weiterschwelende „Flüchtlingskrise“, aber ein sehr aktuelles und sehr gewichtiges bleibt, das erst durch Einbezug der Schnittstellen und Wechselwirkung mit den ande-ren, evtl. älteren und durchgängigen Problemfeldern, sein nachhaltig politisch-aufklärerisches, motivierendes und mobilisierendes Potential entfaltet und behält bzw. fortträgt. Man wird so unabhängig vom bloß Spektakulären, keineswegs aber blind ge-genüber dem fraglos Spektakulären.

Das substantiierte, also mit Vorstellungen versehene Konstrukt „Europäisches Selbst-bewusstsein“ kann somit gleichsam verbildlicht werden als eine – an Genauigkeit und Erklärungspower kontinuierlich zunehmende – Schablone, Sonde oder als ein Maß-stab, mit der oder dem man - speziell solange ein noch nennenswert unfertiger Pro-zess stabilisiert werden muss oder soll – schnell, treffend und ‚wachsam‘ die unter-schiedlichsten Bedarfe erkennt und sich selbst im Prozess und mit seinem Beitrag ver-orten kann.
Mit europäischen Grüßen,
Heinrich Kümmerle
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